Neurologische Vielfalt kann in der Berufswelt zu einer Herausforderung werden, da Unternehmen oft diejenigen übersehen, die anders denken. Unsere Interim Head of Editorial Sarah Hecks erläutert, wie Unternehmen sich aktiv für Menschen mit Legasthenie einsetzen können, indem sie ihre Unterschiede anerkennen.

Wenn die Leute erfahren, dass ich Legasthenikerin bin, halten sie das oft für einen Scherz. Ich leite derzeit das Redaktionsteam von We Are Social in London und war mein ganzes Berufsleben lang Journalist. Die Ironie ist nicht zu übersehen.

Aber was die Leute nicht wissen, ist, dass die Mehrheit der Menschen auf der Welt die eine oder andere Form von Legasthenie hat – sie wissen es nur nicht. Bei den meisten Menschen (wie mir) ist ihre Form so schwach, dass sie sie leicht kompensieren können (meine Legasthenie wäre wahrscheinlich nicht einmal entdeckt worden, wenn ich nicht einen Beruf gewählt hätte, in dem es um Wörter geht). Bei einigen ist die Legasthenie so stark ausgeprägt, dass sie erhebliche Probleme verursacht. Aber Legasthenie ist keine Krankheit, sie ist nur eine andere Art zu denken.

Zunächst einmal geht es bei der Legasthenie gar nicht um das Schreiben. Es handelt sich um eine Kombination von Fähigkeiten, die den Lernprozess beeinträchtigen. Es handelt sich um eine Leseschwierigkeit, die auf Probleme bei der Identifizierung von Sprachlauten und dem Erlernen ihrer Zuordnung zu Buchstaben und Wörtern zurückzuführen ist. Legasthenie beeinträchtigt im Wesentlichen die Art und Weise, wie das Gehirn Sprache verarbeitet. Legasthenie kann nicht geheilt werden, es geht also darum, genau zu verstehen, wie man die Welt sieht, und in der Lage zu sein, diese vergleichenden Verbindungen zu der Art und Weise herzustellen, wie alle anderen sie sehen.

Legasthenie ist immer noch mit einem negativen Stigma behaftet – jeder legasthene Autor, jede legasthene Autorin und Redakteur*in, mit dem oder mit der ich gesprochen habe, hat eine Datenbank mit entmutigenden Kommentaren über seine Beziehung zu Wörtern. Einige davon sind Urteile anderer, andere sind persönliche Frustrationen oder umfassendere Erwartungen an den korrekten Gebrauch der englischen Sprache. So ist es nicht verwunderlich, dass die meisten niemandem von ihrer Lernstörung erzählen, weil sie sich gedemütigt fühlen. Das beunruhigt mich sehr, denn in den meisten Fällen ist Scham das Einzige, was sie zurückhält.

Aus diesem Grund habe ich vor kurzem meinen 900 Kolleg*innen in der Agentur von meinen Erfahrungen berichtet. Als jemand, der in einem Team arbeitet, in dem Worte eine große Rolle spielen, dachte ich, dass es für alle hilfreich sein könnte, die sich schwer tun, um Hilfe zu bitten.

Ich glaube, ich spreche für viele legasthene Autor*innen, wenn ich sage, dass wir sehr hart darum kämpfen, die Fehler, die wir machen, zu beseitigen, um in Bezug auf die Qualität unserer Arbeit gleich behandelt zu werden wie andere Nicht-Legastheniker*innen. Wir wollen keine Sonderbehandlung, wenn es um die Qualität unseres Schreibens geht, und in einem Kurs für kreatives Schreiben, den ich kürzlich besuchte, war es gut zu hören, dass ein angesehener Literaturagent darauf hinwies, dass seiner Erfahrung nach legasthene Autor*innen oft die gewissenhaftesten Korrekturleser*innen sind.

Trotz ihrer Schwierigkeiten sind viele Fachleute der Meinung, dass Legastheniker*innen über besondere Stärken verfügen: ein gutes Gedächtnis, ein brillantes räumliches Vorstellungsvermögen, ein hohes Maß an Kreativität, großes Einfühlungsvermögen und die Fähigkeit, über den Tellerrand zu schauen.

Angesichts all dieser fantastischen Qualitäten müssen wir mehr darüber nachdenken, wie wir junge legasthene Talente fördern und verhindern können, dass sie negative Erfahrungen am Arbeitsplatz machen.

Noch besser wäre es, sich aktiv für Legastheniker*innen einzusetzen, indem wir ihre Vielfalt würdigen – denn Menschen zu ermutigen, die Macht der Worte zu verstehen, ist viel wichtiger als alles "richtig" zu machen.


Dieser Artikel wurde ursprünglich in We Are The City veröffentlicht.